Du sollst beim Vorlesen nicht nudeln!

Seit einem Jahr üben wir. Die Gruppe heißt „Lesezauber im Seniorenheim“ und besteht aus 15 Mädchen und Jungen im Alter von 8 bis 15 Jahren. Alle haben einen Migrationshintergrund – die türkischen Kids sind zum Teil schon in der dritten Generation in Deutschland und antworten auf die Frage, wo sie geboren wurden, erstaunt und etwas angenervt mit „Klinikum!“. Die tamilischen, aserbaidschanischen und russischen Kinder sind fast alle erst vor kurzem zugewandert. Alle sind sehr motiviert und wollen den Menschen im Altersheim Freude bringen und Geschichten vorlesen. Die Regeln für das gute Vorlesen haben wir jetzt 10 Monate lang besprochen und trainiert. Wir wiederholen:

  • Man kann nicht aus einem Buch vorlesen, wenn man das Buch vergessen hat!
  • Man muss die Gefühle mitlesen!
  • Man soll die Zuhörer beim Vorlesen immer schön angucken!
  • Die Zuhörer wiederum gucken den Vorleser oder die Vorleserin an! Sie schlürfen während des Vorlesens nicht aus der Teetasse.
  • Lachanfälle beim Vorlesen sind doof, vor allem wenn die Geschichte gerade nicht lustig ist.
  • Man darf beim Vorlesen nicht nudeln! „Nudeln?“ schreit die Vorlesebande, „oh, lecker Nudeln, können wir uns Nudeln kochen? Oh bitte…!“ Weiterlesen

Eine nominelle Quatschgeschichte

Manuela und Manuel krochen unter den Schirm. Dieses Susi-Modell war hübsch und groß, doch gegen das, was da vom Himmel herunterbremste, half es kaum. Sie standen auf Katjas Feld, am Wegesrand blühte der Ginsberg.
„Das ist ja nicht zu fassen!“ wehkampten die beiden und melcherten herum, dass der liebe Gerd doch wirklich für besser Wetter hätte sorgen können.
Doch dann entdeckten sie eine Bewegung am Rahn des Horizontes. Jesus, Maria, Anne und Hiltrud! Da schäferten ja die anderen heran und eine Elsner flog immer um sie herum.
„Hoor mal! Die machen ja einen Höllenkrach! Wahrscheinlich haben die sich schon einen doppelten Uzun genehmigt!“, erayte Manuel.
„Nene, gerade sind sie Fan von diesem bunten Rodloff-Cocktail, der mit Pino, Schirmchen und zwei Dritteln Steinhauer angesetzt wird. Danach kriegst Du die Beine nicht mehr rohwer und overberg geht gar nicht mehr.
Der Tross rückte ran. Mannomamone, die waren ja gut drauf! Ayla trug ihren Lisboa-Hut und bensbergte durchs Gebüsch. Ingmar hatte sich bei Susanne eingeünvert und sang: „Ich bin der kleine Zerbin und brauche jetzt Salat!“ Christiane hilderte mit Ute: Die beiden müllerten vor Freude und hessten Spaß ohne Ende.
Birgittend warfen sich Manuel und Manuela auf den mit buntem Ricchiuti bedeckten Boden. „Oh heilige Ilona!“, jansten die beiden, „seid doch mal still, sie will doch eine Geschichte über uns schreiben!“

Wer? Was? Alle quatschen durcheinander und dann erschien die Autorin. Claudia. Erst hat sie sämtliche Cocktails getrunken und dann hat sie diese Geschichte geschrieben. Nadine Prost!

Shopping na Brasília

Die Goethe-Institute in Brasilien hatten mich eingeladen, im November und Dezember sechs Leseförderungsworkshops zu geben und einen Vortrag zu halten. Meine Freude war groß und ich flog hin. Zu der Zeit ist in Brasilien Sommer und es ist sehr heiß. Die Weihnachtsfrauen sitzen bei fast 40 Grad im Schatten auf den Plätzen herum und alle Welt sucht immer mal wieder einen klimatisierten Laden auf, um sich abzukühlen. Ich war zu diesem Zweck in einem Wäscheladen gelandet und schaute mir interessiert alle erdenklichen Geschirrtücher mit Weihnachtsmotiven an: Porto Alegre, meine erste Station,  ist damit reich gesegnet.  Doch noch war ich nicht fertig an meinem ersten, freien Tag.  Im Koffer lagen drei warme Strickjacken, aber zu wenige Sommerkleider, so dass mindestens ein neuer Fummel gekauft werden musste. Da die Brasilianer ganz selten englisch können und ich kein portugiesisch spreche, klappte die Verständigung irgendwie mit Händen und Füßen. Nach dem zehnten Klamottenladen hatte ich aber langsam die Nase voll: alles zu groß oder zu breit oder ohne Form. Aber da! „Das sind doch schöne Kleider!“ sagte ich laut zu mir selbst und betrat das Geschäft.

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Safran backt Kuchen

Immer freitags findet das Vorlesetraining für 10 Kinder und Jugendliche statt. Sie möchten alten Menschen in Seniorenheimen Geschichten vorlesen und damit ein Stündchen Freude schenken. Das Training ist anstrengend, alle Kids haben einen Migrationshintergrund und finden das Lesen sehr anstrengend. Gestartet wird immer mit einer Tasse Tee, die nach allen Regeln der Benimmkunst getrunken werden muss, denn schließlich möchten wir mit den Senioren auch mal in die Caféteria gehen und uns dort nicht blamieren.

In der letzten Stunde war das alte Kinderlied „Backe, backe Kuchen“ dran.

Lange haben die Kinder über die vorletzte Zeile nachgedacht. ‘Safran macht den Kuchen gehl.’ Eine rätselhafte Zeile, was mag sie bedeuten? Nach einigen Vorschlägen, die wieder verworfen wurden, einigten sich die Kids auf folgende Fassung: “Der Typ heißt Safran und er macht Gel in den Kuchen.”

Alle waren sich einig, dass sie diesen Kuchen auf keinen Fall essen würden.

Backe, backe Kuchen,
Der Bäcker hat gerufen.
Wer will guten Kuchen backen,
der muss haben sieben Sachen,
Eier und Schmalz,
Zucker und Salz,
Milch und Mehl,
Safran macht den Kuchen gehl!
Schieb, schieb in’n Ofen ’nein.

Monstertanz

Es war Halloween, die Nacht war dunkel und kalt.

Ich musste abends noch mal weg und schrubbte mir im Badezimmer die Zähne. Ausgerechnet jetzt klingelte es an der Tür und ich stürzte raus, mit Zahnbürste im und Schaum vor dem Mund und schon im Mantel.

„Huch! Wer bis Du denn?“ Erschrocken wich ich einen Schritt zurück. 

„Ich bin ein Monster!“ hörte ich eine piepsige Stimme hinter der Gruselmaske flüstern. Das Monster sah allerdings aus wie ein kleiner Trauerkloß.

„Ja, und was kannst Du so? Schräg singen vielleicht?“ Ich versuchte Zeit zu gewinnen und dachte angestrengt darüber nach, wo ich denn noch Süßigkeiten zum Verschenken finden könnte. An Halloween hatte ich gar nicht gedacht. 

„Wie, was kannst Du? Nix!“ kam als Antwort zurück. „Es ist Halloween, da muss man nix können!“ Das Monster hatte eine arg verdreckte Sweatjacke an und hielt mir eine völlig leere Plastiktüte hin.

„Also nee“, antwortete ich, „für maskiertes Rumstehen gibt es bei mir nichts. Wer ein Monster sein will, muss sich auch so benehmen und die Rolle ausfüllen. Kumma, das geht so!“

Ich fing also schrill an zu kreischen, schob Brummtöne dazwischen, hob Arme und Beine und hatte immer noch die Zahnbürste im Mund. Mein kleines Monster gegenüber machte zaghaft mit. „Das übst Du jetzt und wenn ich wiederkomme, klappt das, ja!?“ „Is gut!“ meinte mein Monster  brav und übte los. In der Küche fand ich immerhin noch bestes Kaugummi und 10 Päckchen PEZ-Brausebonbons, leider ohne Spender. Die bekam mein kleines Monster nun, das jetzt immerhin mit den Armen und Beinen wackelte und leise kreischte.